Donnerstag, 28. Juli 2016

Das Leben hat mich kurz aus der Bahn geworfen...

Ihr Lieben,

ich habe mich eine ganze Weile nicht mehr gemeldet. Eigentlich war mein letzter Beitrag der vom Jahresrückblick 2015, denn die beiden die danach kamen hatte ich schon über die Feiertage vorbereitet bzw. waren ja nur ein paar Fotos aus dem Archiv.

Was soll ich sagen, 2015 war mein bestes Jahr bislang. Irgendwie hat alles geklappt, ich hab viele neue tolle Leute getroffen, konnte mir ein bisschen was ansparen, hatte einen wunderschönen Urlaub in Island mit Freund. Negativ war, was ich damals geschrieben habe: "kranke Oma & dem Nervenzusammenbruch immer näher kommende Mama... Selbst wenn man es überhaupt nicht mehr für möglich hält, kann sich alles immer noch ein ganzes Stück weiter verschlechtern". Das hab ich Silvester geschrieben, kurz nachdem ich von meinen Eltern zurückgekommen bin. Die Oma sah inzwischen aus wie ein Skelett mit Haut drüber, und meine Mama war wirklich richtig, richtig am Ende. Man muss dazu sagen, dass das Verhältnis der beiden sehr schlecht war, grob zusammengefasst: die Oma hat meine Mama, also ihre Tochter, eigentlich nie geliebt, es aber hingekriegt sie zu ihrer hörigen Arbeitskraft zu machen. Als ich mich von meiner Mama verabschiedet habe hat sie geweint, weil die schöne Zeit mit mir wieder vorbei war und es ihr psychisch so geholfen hat, dass ich da war. Ich hab ihr gesagt sie soll nicht traurig sein, bald wird bestimmt alles besser. Übersetzt hieß das: Bald ist Oma tot. Dann bist du frei. Das wussten wir beide, aber keiner hat es so ausgesprochen.

Tja. Am Neujahrsabend habe ich meine Mama angerufen, sie hat sich gefreut dass ich trotz SMS mich extra nochmal melde, um ihr ein schönes neues Jahr zu wünschen. Bestimmt wird dieses Jahr alles besser, kann ja nur. Etwa viereinhalb Stunden später ist sie wegen einer Hirnblutung ins Koma gefallen und hat am nächsten Morgen gegen neun aufgehört zu atmen. Ich habe in der Nacht nichts mitbekommen und bin aufgewacht von einer Whatsappnachricht von meinem Pabba: "Mama ist gestorben."

Wie soll man auf sowas reagieren? Ich glaube, sowohl ich als auch mein Pabba und die Freundinnen meiner Mama waren die ersten Wochen einfach völlig im Schockzustand. Wie meine Oma reagiert hat weiß ich nicht. Als ich sie anrufen wollte hatte sie schon ein Beruhigungsmittel bekommen, schlief dann über 24 Stunden durch und starb einen Tag nach meiner Mama im Schlaf. Ging völlig unter.

Der letzte Sterbefall in unserer Familie ist schon ewig her, knapp 20 Jahre. Damals müsste ich so 12 oder 13 gewesen sein, es war der Lebensgefährte meiner Oma, den wir alle sehr mochten, aber eigentlich auch erst maximal 5 Jahre kannten. Er ist nach schwerer Krankheit gestorben, d.h. einerseits war man vorbereitet, andererseits empfand man es ja auch irgendwie als eine Erleichterung für ihn, dass er dann "gehen durfe". Obwohl ich eigentlich kein persönliches Problem mit dem Tod habe (ich meine immer, dem der tot ist dem ist es am egalsten, der merkt das ja eh nicht mehr) hatte ich also eigentlich überhaupt keine Ahnung davon, wie es tatsächlich ist, wenn man denn "trauert". Das Wort ansich ist schon irgendwie nicht treffend, bei mir war das eine Mischung aus  (chronologisch nach dem Auftreten geordnet):
  • Gefühl der Ohnmacht (Man muss doch irgendwas dagegen machen können! Egal was uns passiert, man kann heutzutage doch immer irgendwas machen. Am PC Mist gebaut -> rückgängig machen, pleite -> Kredit, unfruchtbar -> Adoption, ja sogar wenn ein Organ kaputt ist kann man es "einfach austauschen". Etwas mehr als die erste Woche bin ich total aufgekratzt durch die Wohnung getigert, weil mein Unterbewusstsein schrie "Irgendwas muss es geben! Du musst es finden!")
  • Verzweiflung (wenn man dem blöden Unterbewusstsein zurückschreien muss "Nein, kann ich nicht! Das geht nicht rückgängig!")
  • Wut (auf die Oma, die das Leben meiner Mama wirklich bis zum Schluss terrorisiert hat und dabei dann auch noch über 90 wurde)
  • Sorge (um meinen Pabba, der jetzt alleine in Berlin lebt, der ernährt sich doch jetzt nur noch von Fischbüchsen)
  • Gefühl der Einsamkeit (was mach ich denn jetzt, ich bin 31 und hab keine Mutter mehr -  nicht nur dass meine komplette Familie jetzt nur noch aus meinem Pabba besteht, meine Mama war immer der einzige Mensch, an den ich mich bei wirklich allem und immer wenden konnte. Sie kannte mich am besten, sie hat an einem einzigen Wort am Telefon gemerkt, wenn irgendwas nicht in Ordnung war, auch wenn ich versucht hab es zu vertuschen. Klar, Pabba und Freund sind auch für mich da - aber damit die merken dass es einem nicht gut geht muss man schon mit einem riesigen Schild und Megaphon auf sie zurennen)
  • evtl. eher zum Selbstschutz eingeredete Erleichterung (dass meine Mama bis auf Kopfschmerzen ein paar Tage davor keine Schmerzen hatte, dass es sie erwischt hat ohne dass sie es gemerkt hat... dass sie nicht alt und hilflos und voller Schmerzen wurde wie die Oma, das war ihre größte Angst)..
  • Dankbarkeit (so gnadenlos der Tod einem ein Loch ins Leben reißt, so zeigt er auch, wie besonders die Zeit ist, die man zusammen hatte, und wie schön es ist, dass man die anderen Leute noch hat. Sogar einfach dass man sich selbst hat.)
Vermutlich ist mindestens die Hälfte davon eigentlich irrelevant, hysterisch oder ungerecht, aber so sind Gefühle halt. Die kümmern sich nicht darum ob sie grade angebracht oder hilfreich sind. Die Wut schert sich einen Dreck um Pietät nur weil die Person auf die sie sich bezieht auch grade gestorben ist.

Jetzt sind fast 7 Monate vergangen. Die ersten zwei Monate waren am schlimmsten, auch wegen der Beerdigung und Mamas Geburtstag. Ende April kam dann nochmal eine schwere Zeit, weil ich da Geburtstag hatte. Kurz darauf war ich auf einem Seminar in Rügen und habe ein paar Tage für mich dran gehangen. Ganz alleine, am Meer. Danach hatte ich erstmals das Gefühl, dass ich es überstanden hätte, der Gefühlszustand schwankte so zwischen dem vorletzten und letzten Punkt. Fertig bin ich aber wohl noch lange nicht, wie ich letztes Wochenende bei einer Hochzeit feststellte. Mit ein bisschen Schnaps und einem zickigen Freund (hey, wegen dem Blödmann bin ich da überhaupt hingegangen! Er weiß wie furchtbar Hochzeiten für mich sind!) war ich da nämlich ganz schnell und brutal wieder zurück beim Punkt "Gefühl der Einsamkeit".

Dieses Jahr hab ich schon sehr viel dazugelernt. Die wichtigste Erkenntnis ist wohl, dass man schätzen sollte was man hat, und das nicht nur durch Abnicken wie bei einer Bauernweisheit, nein, wirklich ganz radikal! Der Mensch über dessen blöden Kommentar man sich grade tierisch ärgert könnte morgen tot sein (ja, inklusive meinem blöden Freund auf der Hochzeit - ich gebe zu, die Umsetzung dieser Erkenntnis ist zu solchen Zeitpunkten noch etwas schwierig ;) ).
Die neueste Erkenntnis ist (eigentlich, dass Bohnen aus der Schote pulen eine Arbeit für Idioten ist, wie ich heute Mittag festgestellt habe, aber die zählt jetzt nicht), dass ich mir weniger Sorgen drum machen sollte was andere denken oder erwarten. Hätte meine Mama öfter einfach nur getan was sie gewollt hätte anstatt sich nur nach anderen zu richten... Naja. Jedenfalls habe ich aus ihrem Leben geschlossen: Mag sein dass sich ab und an jemand ans Bein gepinkelt fühlt wenn du nicht nach seiner Pfeife tanzt, dann hast du halt einen Bekannten weniger. Aber wenn du dich für andere verbiegst, fällt das denen meist gar nicht auf - was du dir davon versprichst, nämlich Anerkennung oder Liebe, wirst du dadurch auch nicht bekommen, du machst dich nur selbst unglücklich.

So, hmm. Erst konnte ich meine Gedanken nicht ordnen, momentan liegt hier viel Arbeit an, noch vom Anfang des Jahres. Ich hoffe aber, dass ich demnächst wieder etwas mehr bloggen kann. Über Rügen möchte ich noch erzählen, nächste Woche fahren wir nach Schweden und Dänemark, da gibt es bestimmt auch viele Bloganlässe. Zwischendrin war ich noch in New York und im Herbst wollte ich eigentlich nochmal nach London (merkt man mir irgendwie an, dass ich mich krampfhaft abzulenken versuche?). Also, ich hab euch nicht vergessen. Ich war nur kurz aus der Bahn und bin jetzt hoffentlich langsam wieder drin.

Kommentare:

  1. Liebe Feri,
    Dein Betrag hat mich sehr berührt. Und Du darfst mir Glauben wenn ich sage ich kann Deine Emotionale Achterbahnfahrt sehr gut nachvollziehen, verstehen und mitfühlen.

    Auch muss ich Dir recht geben - verbiegen um es jedem Recht zu machen bringt gar nüchts. Das habe ich auch lernen müssen - und es war ein schwerer Weg wenn ich heute auch sagen kann er hat sich gelohnt.

    Eine solche Situation zu verabeiten dauert bei uns Mädels immer sehr lange .... manchmal zu lange .... und manchmal den Rest des eigenen Lebens. Mir hat es geholfen Fachmännische Hilfe, in Form einer Gesprächstherapie, in Anspruch zu nehmen. Trotz anfänglicher Skepzis bin ich heute froh diese Möglichkeit genutzt zu haben ....

    ... ich wünsche Dir alles Liebe, Kraft, Mut und wiederkehrende Lebensfreude ..... der Schmerz über den Verlust eines geliebten Menschen wird nie ganz vergehen ... aber er wird mit jedem Tag etwas erträglicher.

    Alles Liebe, Sasse

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    1. Hallo Sasse,
      danke dir ganz lieb für deinen Kommentar!
      Das ist wohl eine Erfahrung die fast jeder irgendwann machen muss. Man kann versuchen sich damit zu trösten, dass es wohl besonders wertvoll war, wenn es danach besonders weh tut. Ich glaube, weniger weh tun wird es eigentlich nie so wirklich, aber nach einer Weile dominiert es nicht mehr so, also springt einen nicht mehr bei jedem kleinsten Anlass an. Man kann es dann irgendwann in eine Schublade packen, die nicht ständig offen stehen muss.

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